Carbon Warfare – Klimawandel zum Nachkochen

Alles beginnt mit einem Auftraggeber. Ein sinistrer Geschäftsmann lässt uns auf die Erde los, um sie zu kochen. Das Strategiespiel Carbon Warfare erzählt vom Ende der Welt in unter einer halben Stunde. In der Zeit werden rund hundert Jahre durchlaufen, in denen Spieler versuchen müssen, die Menschheit untergehen zu lassen, bevor sie sich selbst rettet.

Klimawandel ist eine Plage

Die Prämisse erinnert stark an Plague Inc. – in beiden Titeln schlüpfen Spieler in eine unheimliche, unscharfe Rolle, um Schaden anzurichten. Als übermächtige Investoren finanzieren sie verschiedenste Industriezweige auf der ganzen Welt. Abholzung, Autos, Milchwirtschaft, alles geht; nur klimaschädlich müssen sie sein. Jede Investition hat Effekte auf drei Achsen: Sie bringt Geld, sie produziert Kohlendioxid (CO2) und sie verstärkt das öffentliche Bewusstsein für den Klimawandel.

Hier kommt die Herausforderung ins Spiel: Steigt das Problembewusstsein, werden die Menschen aktiv. Sie halten Klimagipfel ab, erschweren Investitionen und entwickeln schließlich eine Technologie zur Bindung des CO2. Spieler können in Imagekampagnen investieren, um die Rettungsmaßnahmen auszubremsen. Wenn es warm genug wird, können sie sogar Naturkatastrophen herbeirufen. Was im Tutorial noch anspruchslos wirkt, wird in den Szenarien zu einer echten Herausforderung. Nur, wenn Spieler gut abwägen, wie sie möglichst viel Schaden mit möglichst wenig Öffentlichkeit anrichten, haben sie eine Chance, der Menschheit den Garaus zu machen. Sonst gehen nur ein paar Metropolen unter, bevor der Klimawandel zu Beginn des 22. Jahrhunderts besiegt wird. Für den sehr schlanken Spielmechanismus fühlt sich das Ende der Welt allerdings etwas langatmig an: Eine halbe Stunde lang werden zuerst nur Investitionen und PR-Kampagnen ausgewählt, dann verlagert sich der Fokus auf die taktisch kluge Auswahl möglichst verheerender Katastrophen.

„Die Zerstörung der Welt in 100 Jahren“ – Interview mit Creative Director Jean-Baptiste Fleury

Was genau soll Carbon Warfare also erreichen? Und welchen Realismus beansprucht der Titel für sich? Antworten gibt Jean-Baptiste Fleury vom Entwickler Virtuos.

Welche Lektion sollen Spieler aus Carbon Warfare mitnehmen?

Wir hoffen, dass sie die Mechanismen hinter dem Konzept der Erderwärmung verstehen – wie der Zyklus aus Profitgier, Erzeugung von CO2, Erderwärmung und Naturkatastrophen funktioniert, und wie das öffentliche Bewusstsein durch Medien und Scheindebatten manipuliert werden kann. Wir wollten ein Ergebnis zeigen und ein Datum nennen: Wenn wir so weitermachen, wird die Erde in etwa 100 Jahren zerstört werden. Um sicher zu gehen, dass Spieler unserer Erklärung bis zum Ende folgen, wollten wir das Spiel unterhaltsam und interessant machen, und außerdem recht schwierig.

Warum haben Sie Spielern diese unrealistische, mächtige Rolle gegeben?

Über die Rolle des Spielers haben wir lange diskutiert. Wenn du ein Industrieller oder ein Geschäftsmann wärst – warum würdest du dann die Erde zerstören wollen? Wenn du der Teufel wärst, dann hätte es etwas naiv gewirkt und die Verantwortung weg von den Menschen gelenkt. Letztendlich haben wir die Frage nicht klar beantwortet. Du spielst diese düstere Wesen, eine Art bösen Geschäftsmann, und das scheint uns eine befriedigende Lösung. Wir wollten das Bewusstsein für die Erderwärmung stärken, ohne zu moralisieren.

Wie haben sie entschieden, welche Investitionen erlaubt sind, und welche Effekte sie haben?

Das gesamte Spiel ist in Kollaboration mit Klima- und Wirtschaftsexperten entstanden. Yoram Bauman hat am meisten mit uns gearbeitet. Er hat die Notwendigkeit begriffen, gleichzeitig ein realistisches, aber auch spaßiges und leicht verständliches Spiel zu entwickeln. Er hat uns mit einer Gleichung geholfen, das Spielsystem zu entwickeln: Bevölkerung und persönliche CO2-Emissionen werden in Beziehung gesetzt zu ökonomischem Fortschritt und Geographie. Dann hat er alle CO2-intensiven Industriezweige für uns identifiziert und bewertet. Unser Game Designer hat die in ein Fortschrittssystem integriert. Yoram war mit den Ergebnissen zufrieden und hielt das System für glaubwürdig.

Wenn man in die Details geht, gibt es bei uns einige Unstimmigkeiten, aber insgesamt ist der Spielmechanismus sehr nah an der Realität.

Eine schöne Spielidee, die leider etwas monoton umgesetzt wurde. Für ein paar Runden bietet der Titel Unterhaltung, dann werden die wenigen Interaktionen langweilig. Das Mobile Game ist zudem auf kleinen Touchscreens etwas umständlich zu bedienen. Ein Tablet ist die ideale Plattform. Der Lerneffekt ist vorhanden, aber verhalten: Das Spiel schärft ein Bewusstsein für entscheidende Faktoren des Klimawandels.
Jan Bojaryn