Niche – Evolution auf dem Brett

Das Rätsel der Vererbungslehre begleitet viele Menschen ihr Leben lang. Vom Schulunterricht ist nur ein Fiebertraum aus Erbsen und Blumenbeeten übrig. Und wenn dann die Kinder eine überraschende Haarfarbe haben, herrscht Ratlosigkeit. Ein kleines Entwicklerteam aus dem Raum Zürich könnte mit Niche für mehr Klarheit sorgen. Auch in der frühen Vorab-Version legt es den Blick auf die Gene frei.

Fressen und Fortpflanzen

Am Anfang des Spiels stehen zwei Wildkatzen auf einer Insel. Wenn sie nicht aussterben wollen, müssen sie Futter finden, Fressfeinde abwehren und sich vor allem fortpflanzen. Eine richtige Kampagne ist noch nicht spielbar , aber der Kern steht: Die Tiere befinden sich auf einer Insel voller Sechsecke. Sie erinnert nicht umsonst an ein Spielbrett. Jeden Spieltag verbrauchen die Tiere Aktionspunkte, um sich zu bewegen, zu kämpfen, zu fressen, oder sich fortzupflanzen.

Der Überlebenskampf geht kurz und schmerzvoll über die Bühne. Das Futter wird schnell knapp. Raubtiere greifen an. Und die Fortpflanzung gehört auch noch in den Mittelpunkt der Planung. Denn die Generationen in Niche sind kurz. Und jedem der Tiere kann man ins Erbgut schielen. Mit dem laufenden Spiel schaltet man neue genetische Eigenschaften frei, die man in den Genpool der Tierfamilie mischen kann. Niche mag noch mitten in der Entwicklung stecken, aber der Fokus liegt jetzt schon klar auf der gezielten Vererbung nützlicher Eigenschaften – und auf überraschenden Pannen, wenn Mutationen zuschlagen, oder wenn die geschrumpfte Population zum Inzest gezwungen wird.

„Biologie und Game Design“ – Interview mit Art Director und Game Designer Severin Walker

Niche ist ein originelles Konzept. Aber welche Ziele es eines Tages noch erreichen wird, das kann man an der frühen Spielversion nicht klar erkennen. Wir fragen Severin Walker, Gründungsmitglied von Team Niche.

Science Games: Wo kommt die Idee her?

Walker: Die Grundidee kommt von Philomena Schwab, meiner Co-Founderin. Vor dem Studium hat sie zwischen Biologie und Game Design geschwankt. Sie ist dann beim Spielemachen gelandet und hatte ein Bachelorprojekt mit Biologie-Bezug. Die Grundidee war ein Spiel um die fünf Säulen der Populations-Genetik, auf denen praktisch alles basiert. Daraus haben wir Niche gemacht.

Habt ihr wissenschaftliches Know How im Team?

Wir hatten Kontakt mit Wissenschaftlern, die uns unterstützt haben. Hauptsächlich haben wir uns selber eingelesen. Dazu muss man sagen: Wir haben ein paarmal darüber diskutiert, ob wir ein Serious Game machen wollen oder nicht. Wir haben uns dann entschieden, den Spielspaß ins Zentrum zu stellen. Wir lehnen unsere Mechaniken so nah an der Realität an, wie es geht, damit die Essenz der Sache drin ist. Aber man muss nicht gleich studieren, um es zu verstehen.

Und lernt man beim Spielen etwas?

Wir haben gemerkt, dass viele Leute das Spiel nutzen, um Kindern Genetik zu erklären. Das funktioniert auch. Die Vererbung der Gene, rezessiv, dominant, kodominant, das ist alles drin. Man kann also schon etwas lernen. Und das Spiel ist so angelegt, dass man ausprobieren kann und rausfinden, wie es dann funktioniert. Wenn das Spiel fertig ist, wird auch so etwas wie ein Lexikon drin sein.

Wie viele Generationen passen denn in eine Partie?

In der aktuellen Version ist es noch eine Sandbox. Du kannst so lange spielen, wie du überlebst.

Das waren bei mir immer nur ein paar Generationen.

Wir haben Spieler in unserer Playtestergruppe, die überleben 100, 200 Tage. Ich weiß nicht, wie sie das machen, ich bin auch noch nicht so gut. Das fertige Spiel soll über mehrere Inseln führen. Die Habitate haben jeweils unterschiedliche Ziele. Es geht darum, auf die nächste Insel zu kommen, und die Tiere dann so anzupassen, dass sie da überleben. Aber wir wissen noch nicht, welche Spielzeit dabei herauskommen wird.

Wie wird sich das Spiel denn noch entwickeln?

Vom System, vom Kern her, steht es eigentlich schon. Wir wollen mehr Gene, Habitate und Interaktionsmöglichkeiten schaffen.

Und wie weit entwickeln sich die Tiere in einem Spiel?

Spieler sollen die Möglichkeit haben, ihr eigenes Tier zu kreieren. Das kannst du dir vorstellen, wie einen Character Creator im Game. Dann können Körperteile ganz anders ausschauen. Aber ich kann dazu noch nicht soviel sagen, das ist sozusagen noch im Kochtopf.

Niche wird ein spannendes Lern- und Experimentierspiel. Schon die Vorabversion ist für einige Stunden unterhaltsam. Große Erkenntnisse kann sie noch nicht liefern – dafür fehlt noch eine anschauliche Erklärung, was wie vererbt wurde.

Wer die Reise des Spiels verfolgen will, kann eine Kickstarter-Kampagne ab dem 28. April unterstützen. Eine Demo-Version für Windows und Mac ist kostenlos auf der offiziellen Webseite erhältlich.

Jan Bojaryn