No Man’s Sky: Digitale Grabungsarbeit

Es wurde von einem kleinen Team entwickelt, und doch simuliert No Man’s Sky (NMS) Trillionen von Sternen, mit Planeten, auf denen verschiedene klimatische Bedingungen herrschen, auf denen es unzählige Formen von Leben gibt. Die Durchquerung und Katalogisierung dieser Welten ist ein zentraler Spielinhalt. Die Vielfalt generiert der Computer prozedural, er setzt also kleine Inhalte nach einem Algorithmus immer neu zusammen. Was genau sich in dem Universum befindet, weiß also niemand, auch die Entwickler nicht. Spieler starten mit einem einfachen Raumschiff und dem unverbindlichen Spielziel, die Mitte der Galaxie zu erreichen. Jeder neuen Entdeckung, vom Planet bis zur Pflanze, dürfen die Spieler selber einen Namen geben.

NMS zieht Pioniere und Entdecker an. Einer von ihnen ist Andrew Reinhard. Der Archäologe interessiert sich schon lange für Computerspiele. Sein Versuch, NMS wissenschaftlich zu untersuchen, wurde im ersten Anlauf von technischen Unzulänglichkeiten erschwert. Entdeckern fehlten die einfachsten Werkzeuge – etwa ein Kompass. Aber nach größeren Updates sind die Möglichkeiten besser.

Reinhard hat an Ausgrabungen etruskischer, antiker griechischer und neuweltlicher Stätten teilgenommen; ebenso an der viel beachteten Aushebung jener Mülkippe, auf der Atari einst große Mengen des gefloppten E.T.-Videospiels verklappte. Zur Zeit schreibt er seine Doktorarbeit im Centre for Digital Heritage, des Fachbereichs Archäologie der University of York.

„Da wird nichts verwässert“ – Interview mit Andrew Reinhard

Warum erforschen Sie als Archäologe Computerspiele?

Ich sehe synthetische Welten als eine gebaute Umgebung – so wie Häuser, nur aus anderen Materialien. Die Fragen, die ich als digitaler Archäologe stelle, ähneln meinen Fragen in der natürlichen Welt. Wie wurde etwas hergestellt? Von wem, wann, warum, und in welcher Beziehung steht es zu Strukturen in der Umgebung, zur Landschaft, zu digitalen und menschlichen Akteuren?

Und warum ausgerechnet NMS?

Weil es archäologisches Potential besitzt. NMS erschafft Welten mittels prozeduraler Generierung, und die meisten davon sind bewohnt. Anfangs war ich neugierig, wie eine von Maschinen geschaffene Kultur aussehen könnte. Aber dann kam in diesem Jahr das Update 1.3 und hat die Spieler-Community direkt beeinflusst; es hat beeinträchtigt, wo und wie sie in dem Spiel leben konnten. Jetzt fesselt mich vor allem die menschliche Interaktion mit der Umwelt des Spiels. Ich erforsche, was die NMS-Spieler bei ihrer Flucht auf andere Welten zurück gelassen haben.

Was muss ein Spiel mitbringen, um sich für die Neugier eines Archäologen zu qualifizieren?

Ich glaube, dass jedes Spiel, jede Softwareanwendung sich qualifiziert. Ein Spiel braucht keine Gebäude, keine Geschichte, nicht einmal Grafik.

Das ist eine sehr breite Definition. Verwässert sie nicht, was Archäologie ist, und was nicht?

Nein. Archäologie dreht sich um Dinge und darum, wie Menschen mit ihnen umgehen. Das ist eine sehr breite Definition, aber sie trifft zu. Da wird nichts verwässert.

Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit denn erreichen?

Idealerweise möchte ich Archäologie in einer Form präsentieren, die alle verstehen können. Auf professioneller Ebene versuche ich zu beweisen, dass synthetische Welten genau so Ausgrabungsstätten sein können, wie Troja, oder Pompeji. Wir können anhand der Art, wie Leute Software und Spiele erschaffen und mit ihnen interagieren, genau so viel über die Geschichte des Menschen lernen.

Sie beschreiben in Ihrem Blog die Geländebegehung auf einem Planeten in NMS. Ist das nicht ermüdend?

Man muss schon eine bestimmte Art von Person sein, um eine Stunde lang eine Landschaft abzuschreiten, die durchaus monoton sein kann. Ich versuche, das Planquadrat überschaubar zu halten; also kein Feld mit fünf Kilometern Kantenlänge, sondern ein Kilometer, oder noch weniger. Es muss nur groß genug sein, um Fragestellungen mit gefundenen Daten auch beantworten zu können. Diese Surveys unterscheiden sich nicht besonders zwischen der Wirklichkeit und dem Virtuellen.

Spielen Sie NMS auch persönlich zum Spaß?

Immer in meiner Rolle als Archäologe; irgendwas gibt es immer zu entdecken und dokumentieren. Aber die Arbeit macht mir Spaß. Und es gibt immer noch Augenblicke, in denen ich von der Schönheit eines Planeten, von der Fremdartigkeit eines Tieres, von der unermesslichen Größe des Universums überwältigt bin.

Fazit:
Reinhard tut, was viele NMS-Spieler tun – er entdeckt die Spielwelt. Dass er das systematisch tut, gibt seiner Beschäftigung einen besonderen Reiz. Um den nachzuvollziehen, können Spieler Reinhards Blog besuchen, oder sich in der Community engagieren.
Jan Bojaryn