Numantia: 20 Jahre Widerstand

Strategiespiele wirken schnell beliebig. Irgendwelche Königreiche entwickeln sich, werden größer, und behaupten sich gegen irgendwelche Nachbarn. Über die Menschen hinter der Geschichte haben solche Spiele oft nichts zu sagen. Einen Kontrast bietet das Strategiespiel Numantia, benannt nach der antiken Stadt im Norden des heutigen Spaniens, vor der sich ab 153 v.Chr. Einheimische und Eindringlinge gegenüberstanden. Erst nach zwei Jahrzehnten konnte Rom die Stadt erobern.

Ein spanisches Entwicklerstudio erzählt diese Geschichte als kompaktes Spiel. Römer oder Keltiberer durchqueren eine lineare Kampagne, entwickeln ihre Truppen und fällen narrative Multiple-Choice-Entscheidungen. Vor allem aber liefern sie sich rundenbasierte Kämpfe. Die Scharmützel auf einem Sechseckraster erinnern an Kriegsspiele mit Miniaturen. Für den Erfolg ist es zuerst nötig, sich mit den Vor- und Nachteilen der Truppen bekannt zu machen. Das knappe Tutorial hilft hier wenig, und auch die unnötig komplizierte Menüführung, das unübersichtliche Schlachtfeld erschweren den Einstieg. Sind die Hürden überwunden, wird der Blick auf das eigentlich Wichtige frei: Das Positionsspiel entscheidet über Sieg und Niederlage. Wer den Gegner erfolgreich flankiert, wer ihm mit den richtigen Einheiten in den Rücken fallen kann und sich dabei nicht isolieren lässt, der gewinnt entscheidende Vorteile und stärkt die wichtige Moral der Truppen.

Für sich genommen sind die Kämpfe unterhaltsam, aber unoriginell. Auf den zweiten Blick wirken die Einheiten interessant, die auf historische Vorbilder zurückgehen; doch richtig lebendig wird Numantia vor allem zwischen den Gefechten. Events werden in der Kampagne mit Bild- und Texttafeln erzählt und fordern Entscheidungen von den Spielern. Hier geht es nicht nur um Bündnisse und Strategien, hier geht es immer wieder um lebendige Anekdoten vom Wahrsager im Wald bis zum Brief an die Heimat. Vor allem die anschaulichen Erzählschnipsel untermauern den historischen Anspruch von Numantia. Spieler begegnen der Gedankenwelt ihrer Fraktion, können Akzente im Konflikt setzen, Risiken eingehen, Wünsche der eigenen Truppen erfüllen, sich zur Kultur des Gegners stellen. In den Kämpfen geht es dagegen nur darum, mit möglichst geringen Verlusten zu siegen.

„Aus den Quellen entwickelt“ – Interview mit Producer Román Echevarrena

Woher kam die Entscheidung für das Szenario?

Wir wollten ein historisches Setting mit Bezug zu unserer eigenen Geschichte. Es sollte etwas Neues sein, zwar mit international bekannten Kulturen wie den Römern, aber ohne die üblichen Themen und Schauplätze von den Gladiatoren bis Julius Cäsar. So sind wir auf Numantia gekommen. Die Ereignisse sind hier in Spanien berühmt, international aber wenig bekannt. Und auch hier haben die Leute zwar von der Belagerung Numantias gehört, wissen aber nichts vom Wechsel aus Krieg und Frieden in den zwei Jahrzehnten davor. Darin lag unsere Chance, die Geschichte der uneinnehmbaren keltiberischen Stadt zu erzählen.

Wie haben sie das Thema recherchiert?

Uns steht der Historiker Yeyo Balbás zur Seite. Er hat uns geholfen, die keltiberische Kultur zu verstehen und im ganzen Spiel Unstimmigkeiten korrigiert: bei Ausrüstung, Waffen, Kleidung, Mythologie, Kriegsführung und Siedlungen. Und auch wir Entwickler haben uns in die Literatur über Numantia und die Römische Republik vertieft.

Wie finden Sie eine Balance zwischen so einer historischen Genauigkeit und den Anforderungen eines Spiels?

Das war eine der größten Herausforderungen. Wir wollten Geschichtskenner zufrieden stellen, ohne reine Strategie-Fans abzuschrecken. Aber wir sind schon kreativ mit dem Quellmaterial umgegangen; wie jedes andere Medienprodukt mit historischem Hintergrund auch.

Woher kommen denn zum Beispiel die Eigenschaftswerte für bestimmte Einheiten?

Vor allem aus dem Quellmaterial. Besonders bei der Römischen Armee war das recht einfach, da ist die Quellenlage sehr gut. Bei den Keltiberern ist es leider schlechter, also mussten wir kreativer sein. Kleidung, Waffen und Strategien der Keltiberer basieren allerdings auf historischen Dokumenten.

Hat das Setting sich auch auf grundsätzliche Spielmechanismen ausgewirkt?

Durchaus. Man sieht das an den Unterschieden zwischen den beiden Fraktionen. Numantianer sind stärker, haben weniger Männer, aber beherrschen vernichtende Attacken, mit einem taktischen Fokus auf Infanterie und Kavallerie. Die Römer sind das Gegenteil: Sie haben in aller Regel mehr Einheiten, die aber weniger stark sind. Sie halten den Gegner mit Infanterie und Fernkämpfern auf Abstand. Auch bei den Ereignissen – die Numantianer müssen sich mit den Wünschen ihrer Bevölkerung und der anderen Stämme herumschlagen, bei den Römern dreht sich alles um das Militär, und während der Senat die Ziele diktiert.

Fazit:
Der Einstieg ist holprig. Doch durch seinen Ernst genommenen historischen Anspruch gewinnt Numantia viel dazu. In den konkreten, glaubwürdigen Entscheidungen wird Geschichte anschaulich. Numantia verdeutlicht, dass die Vergangenheit sich immer auch anders hätte entwickeln können. Das kann eine interaktionslose Nacherzählung nicht bieten.
Numantia ist auf PC, PS4 und Xbox One für 20 bis 30 Euro erhältlich.
Jan Bojaryn