Sokobond – Atome schubsen

Alan Hazelden wirkt zurückhaltend, wenn man ihn auf den naturwissenschaftlichen Hintergrund von Sokobond anspricht: „Wir haben uns nicht gerade vorgenommen, ein Spiel über Chemie zu machen, wir haben einfach nur Ideen ausprobiert und diese hat gezündet“, erklärt er den Ursprung seines kleinen Puzzle-Hits.

Sokobond ist 2014 erschienen und verbindet den Schiebepuzzle-Klassiker Sokoban mit organischer Chemie. Jeder Level ordnet Atome in einem zweidimensionalen Raster an. Spieler müssen eines der Atome durch das Raster bewegen. Berühren sich zwei bindungsfähige Atome, bilden sie ein Molekül. Das immer unförmigere Gebilde muss durch die beengten Raster wandern, bis alle Atome gebunden sind. Ist ein Level geschafft, wird nachher ein Stichpunkt zum entstandenen Molekül verraten: Mit Wasserstoffperoxid kann man das Sekret von Stinktieren lösen.

Weniger und mehr

Sokobond ist ein fesselndes Puzzlespiel. Die Präsentation ist minimalistisch, das Spielprinzip einfach, die Steuerung simpel. Es gibt keinen Zeitdruck, unbegrenzte Züge und unbegrenzte Möglichkeiten, Züge zurück zu nehmen. Setzen viele Puzzlespiele heute auf eine endlose Anreihung leicht variierter Puzzles, begnügt sich Sokobond mit etwas über 100 Stück, die jeweils auf einer Idee basieren. Der Schwierigkeitsgrad zieht schnell an; aber die schlichte Eleganz bleibt bestehen. Auch spätere Puzzles setzen oft auf einfache Verbindungen mit wenigen Atomen. Nur ein paar Zusatzregeln machen das Spiel haariger: Bestimmte Felder trennen Verbindungen, andere verstärken sie oder rotieren die Moleküle.

Mit dem Fokus auf wenige, haarige Puzzles hätte Sokobond ein frustrierendes Spiel werden können. Aber erstens schont die Präsentation mit schlichten weißen Flächen und meditativ wabernder Hintergrundmusik Spielernerven. Zweitens verzweigt sich der Pfad durch den Chemiebaukasten sehr weit. Die Lösung eines Puzzles schaltet meist mehrere Neue frei. Nimmt der Frust an einer Stelle überhand, gibt es also fast immer alternative Kopfnüsse.

Echte Bindung

Ein gutes Puzzlespiel ist Sokobond, aber kein besonders wissenschaftliches. Der Grundmechanismus hat nichts mit Chemie zu tun. Atome wandern nicht durch Labyrinthe.

Aber wer mit Molekülen spielt, der lernt sie auch näher kennen. Wie viele Bindungen Sauerstoff-, Stickstoff- oder Kohlenstoffatome eingehen, verinnerlicht man beim Spielen auch unfreiwillig. Und die kurzen Fakten zu Molekülen am Ende jedes Puzzles mögen sich zwar zu einem weitgehend nutzlosen Inselwissen anhäufen; aber sie nähren auch das Interesse an der Chemie.

Alan Hazelden, Ko-Designer des Spiels, hat nie eine akkurate Simulation angestrebt. Sein vereinfachtes Modell organischer Chemie vergleicht er mit dem Lernniveau einer High School. Ihm fallen mehrere Beispiele ein, wie sein Spiel die Realität verfehlt: „Die Winkel der Bindungen stimmen nicht, und die Zahl der Bindungspaare orientiert sich nur am Normalfall.“ Damit sieht er sich aber in guter Gesellschaft: „Jede Form von allgemeinverständlicher Wissenschaft ist ja letztendlich eine Vereinfachung der Realität.“

Wie genau organische Chemie funktioniert, lernt man in Sokobond nicht. Aber was Moleküle überhaupt sind, und aus welchen Bausteinen sie sich zusammensetzen, das werden Spieler verinnerlichen. Und für eine Grunderkenntnis der Chemie schärft Sokobond durchaus ein Bewusstsein: Wie sich die verschiedensten Stoffe unserer Welt aus den immer gleichen, simplen Bausteinen zusammen setzen.
Jan Bojaryn