Watch Dogs 2 – Hacker mit Schrotflinte

Der Vorgang ist ungewöhnlich: Ein Videospiel aus dem hochgezüchteten, sündteuren AAA-Bereich der Branche macht Politik. Es thematisiert aktuelle gesellschaftliche Probleme und beleuchtet Hintergründe. Ubisoft hat das 2014 mit dem Spiel Watch Dogs versucht, und ist zumindest teilweise gescheitert. Das Spiel wollte die Risiken unserer vernetzten Überwachungsgesellschaft thematisieren. Aber es wurde schnell absurd: Alles wurde per Knopfdruck gehackt, auch Dampfleitungen unter der Straßendecke. Und der Held bediente das Klischee vom Hacker als Außenseiter mit Hang zur Selbstjustiz. Watch Dogs 2 nimmt zwei wichtige Korrekturen vor. Erstens nimmt es sich selbst nicht so Ernst, zweitens bezieht es sich stärker auf die Realität der Hackerkultur.

Gute Bösewichte

Publisher Ubisoft gab das Motto schon vor der Veröffentlichung aus. „Wir wollen Botschaften übermitteln“, behauptete Brand Content Director Thomas Geffroyd auf einem PR-Event. Vor allem Big Data machte er als Thema aus – also die Möglichkeiten, immer größere Datenberge zu erheben und zu verknüpfen, um Mehrwerte zu schaffen. „Wir sorgen uns über konkrete Informationen, die das System über uns haben könnte; über ein altes Foto auf Facebook oder so. Doch bei der Recherche zu Big Data ist uns aufgefallen, dass viele sehr persönliche Informationen einfach als Einschätzung über Dich von Algorithmen ausgespuckt werden.“

Marcus, der Protagonist des Spiels, gerät unter die Räder eines Algorithmus: Er wird zu Unrecht für eine Straftat belangt, einfach weil er in das Profil gepasst hat. Für ihn ist das die Initialzündung, sich dem Hackerkollektiv Dedsec anzuschließen. Das Kollektiv geht gegen die Blume Corporation vor – gegen den fiktiven Konzern, der Städte mit dem CtOS ausstattet. Das komplette Betriebssystem für Smart Citys gibt es in der Form noch nicht, aber durchaus Entwicklungen in diese Richtung. Zwei bis drei Jahre schaue man mit dem Spiel in die Zukunft, sonst sei alles in der Realität verankert, beteuert Geffroyd. Die meisten Bösewichte im Spiel zeigen denn auch überdeutliche Parallelen zu unserer aktuellen Umwelt: Dedsec leakt Infos über die Machenschaften einer sektenähnlichen New-Age-Kirche und misst sich mit einem krakenartigen Suchmaschinenkonzern.

Tod aus dem 3D-Drucker

Der mal satirische, mal einfühlsame Blick auf die Netz-Szene San Franciscos, auf Subkulturen und große Unternehmen wirkt durchaus glaubwürdig. Er hebt sich deutlich von landläufigen Darstellungen der Hackerszene ab. Doch leider ist Watch Dogs 2 ein großes Action-Adventure in einer offenen Spielwelt, und das muss mit Inhalten befüllt werden. „Ein fester Teil des Hacker-Ethos ist es, hart zu arbeiten, sich zu vertiefen. Wir dagegen machen Spiele.“, verteidigt Geffroyd die Entscheidung, den eigentlichen Akt des Hackens zu verstecken. Nur in Videoschnipseln arbeitet Marcus im Hackerspace. Vor allem bricht er ganz profan in die gegnerischen Firmen ein. Sicherheitskameras und Handys der Wachleute hackt er im Vorübergehen. So passt die Geschichte in die handelsübliche Schablone eines Schleich-Action-Spiels. Autos werden geknackt, Hausdächer erklommen, Selfies geschossen. Hacken ist hier meist ein quasi-magisches Kontextmenü, mit dem etwa widrigen Wächtern die Polizei auf den Hals gehetzt wird. In Missionen geht es dann immer wieder darum, Server physikalisch zu erreichen und dann einen Knopf zu drücken.

Absurde Züge nimmt der Konflikt aus Story und Spiel an, wenn Watch Dogs 2 Action liefert. Marcus kann sich vom Hackerkumpel designte Waffen wie die „„4N00bs Pistol“ und den „CTRL-ATL-DEL Launcher“ aus dem 3D-Drucker ziehen. Statt langwierig zu Schleichen und zu Hacken, kann er auch mit der Schrotflinte anrücken und alles niedermähen. So wird aus dem fröhlichen Hackerkollektiv de facto eine Terroristengruppe. Wenn das Spiel hier noch eine Botschaft haben wollte, es wäre die Falsche: dass der Zweck der informationellen Selbstbestimmung auch das Mittel des Massenmordes rechtfertigt.

Natürlich stiftet Watch Dogs 2 nicht zum Mord an. Es ist eben nicht besonders Ernst gemeint – oder hat seine gute Idee nicht ganz zu Ende gedacht. Respekt verdient es für den satirischen Blick auf das drängende, chronisch unterdiskutierte Problem der Big Data. Aber eine gute Antwort, wie man Hacking in ein Spiel verpackt, bleibt es schuldig.
Jan Bojaryn